Das Demeter-Heiligtum beim Dorf Sangri auf Naxos/Kykladen

Abb. 1: Ansicht des Tempels von Sangri von Süd-Osten, mit ursprünglicher Bemalung (M. Korres, A. Ohnesorg)

Bearbeitung: Aenne Ohnesorg

Naxos, die Marmorinsel, hat im 7. Jh. v. Chr. die marmorne Großplastik und wenig später eine eigenständige, vollkommen ausgeformte Marmorarchitektur entwickelt, die die attisch-ionische Architektur des 5. Jhs. maßgeblich beeinflussen sollte.

Das `naxisch Ensemble´ auf Delos und andere naxische Bauten können wir erst richtig verstehen, nachdem der Demeter–Tempel von Sangri entdeckt und erforscht worden war. 1976 wurde dem Lehrstuhl für Baugeschichte die Bearbeitung der Architektur durch Vasilis Lambrinoudakis, dem Nachfolger von Nikolaos Kontoleon, der die Ruine 1949 entdeckt hatte, anvertraut. Unterstützt von der TU München und der Fritz Thyssen-Stiftung wurden mit zahlreichen deutschen und griechischen Mitarbeitern 10 Kampagnen vor Ort abgehalten und weitere Jahre für die Ausarbeitung aufgewendet, die in verschiedene Zwischenberichte mündete. Die Endpublikation steht kurz vor dem Abschluß.

Der Oberbau ist von den Fundamenten bis zu den Dachziegeln ausschliesslich aus Marmor gebildet. Aus ca. 1600 einzeln vermessenen Bauteilen, von denen viele für eine Basilika umgearbeitet waren, begann ein räumliches `Puzzle-Spiel΄, von dem jedoch die Hälfte der Steine fehlte. Am Ende stand auf dem Papier der vollständige Tempel (Abb. 1) und die aus seinen Relikten erbaute frühchristliche Basilika.

Der fast quadratische Grundriss ist ungewöhnlich für einen Tempel, desgleichen die im Süden, statt wie üblich im Osten liegende Fassade mit ihren 5 Säulen zwischen Anten.

Die Frontsäulen sind durch ionische Basen und glatte, leicht eingezogene Schäfte ausgezeichnet (Säulenhöhe 8,4 untere Dm). Die seltsamen Kapitelle haben einen doppelt geschwungenem Echinus. Das Gebälk besteht aus einem glatten Architrav und darüber einer Schicht, welche die Balkenköpfe der Decke verkleidet, dem Fries. Damit war der Prototyp der `inselionischen Ordnung´ geschaffen.

Abb. 2: CAD-Rekonstruktion des Innenraums des Tempels von Sangri, an einem Augustmorgen um 6.30h (Constanze Schmiedl, Laura Augustin und Regina Bals, mit Unterstützung von Stefan Kaufmann und Gerhard Schubert vom Lehrstuhl Prof. Richard Junge des Fachgebiets CAAD der TUM)

Über der Vorhalle des Tempels von Sangri lag die erste uns bekannte Marmordecke Griechenland, mit sieben fast vier Meter langen Balken. Ein vollständig erhaltener Balken zeigt, daß sie alle minimal um 2 cm nach oben gebogen waren, was sich auf die ganze Decke übertrug – ein frühes der schier unglaublichen `refinements´ der antiken griechischen Architektur.

Von der Vorhalle öffnen sich zwei marmorgerahmte Prachtportale zur Cella. Derartige Portale mit eigenem Ornamentfries und Gesims sind seit dem Naxier-Oikos eine Leitform der kykladischen Architektur.

Der Innenraum wird durch fünf Säulen, die quer zum First stehen und das Dach trugen, in zwei Querschiffe geteilt. Diese widersinnige Konzeption hatte zweifellos mit der Funktion des Baus und dem Kult zu tun, der Demeter und Kore gewidmet war. Die Säule unter dem First war die höchste (6.46 m = 13 untere Dm), die an beiden Seiten die niedrigsten (5.40 m = 10,8 untere Dm) – eine unerhörte Regelwidrigkeit des unbefangenen naxischen Architekten! Fast vier Meter lange Balken überbrückten den Abstand zur Tür- und Rückwand. Darüber folgten kleinere Schrägbalken, die mit durchscheinenden Marmorplatten abgedeckt waren (Abb. 2). Diese perfekte, lichte Dachdecke kontrastierte zum rohen, höhlenartigen Zustand der Wände.

Das rätselhafte Telesterion von Sangri ist von den Dörfern der Umgegend gegen 530 gestiftet und errichtet worden, in bäuerlicher, ein wenig rückständiger, aber auch phantasievoller und origineller Bauweise.